IV. Lenard und Einstein. Wenn zwei große Forscher wie Lenard und Einstein einen Streit haben, so handelt es sich nicht um Lappalien, sondern gleich um die Fundamente der Physik, um die Grundlagen unserer ganzen Naturauffassung. Sollen wir dies etwa bedauern und beklagen? Im Gegenteil, glauben wir, daß es nichts Anregenderes und Lehr- reicheres geben kann, als die tiefsten Streitfragen unserer Natur betrachtung von gegensätzlichen Standpunkten beleuchtet zu sehen. Ein derartiger Widerstreit kann nur neues Leben und neuen Schwung in die physikalische Forschung bringen und führt not- wendig zu einer Befruchtung der Geister zunächst in der theo- retischen Naturerkenntnis, dann aber auch zu experimentellen Entdeckungen, deren Tragweite nicht abzusehen ist. Der Ur- sprung des Streites ist folgender: Die Ätherphysik hatte sich an der Neige des vorigen Jahrhunderts in schwere Widersprüche ver- wickelt, aus denen kaum ein Ausweg zu finden war. Da trat Ein- stein mit einer heroischen Kur des krank gewordenen Weltäthers hervor, deren Kühnheit das Staunen der Zeitgenossen erregte. Er relativierte den ganzen Naturlauf, indem er an Stelle der her- kömmlichen Raum- und Zeitvorstellungen kürz- und streckbare, gleichsam elastisch gewordene Raum- und Zeitbegriffe schuf, und operierte mit kühnem Messer den Weltäther aus dem Weltraum heraus, so daß der lieben Mutter Natur bei solcher Operation ein wenig mathematisch und geometrisch zumute wurde und die Physik sich in eine Art von nichteuklidischer Geometrie aufzu- lösen schien. Die Widersprüche des kranken Weltäthers waren dadurch freilich in radikalster Weise beseitigt, dafür traten aber Paradoxien oder gar wirkliche Widersprüche an den neugeschaf- fenen Raum-Zeitbegriffen hervor, die tiefe Beunruhigung verur- sachten. Die Physiker klagten überdies, daß die Natur gleichsam ,,entwirklicht" und zu einem bloßen geometrischen Gebilde ge- worden sei. Es konnte also nicht ausbleiben, daß sehr bald eine Gegenbewegung einsetzte, die sich langsam, aber stetig verstärkte. Denn eine Theorie, die eine so glorreiche Vergangenheit hat wie die Ätherlehre, konnte nicht kurzweg beseitigt und ohne Sang und Klang begraben werden. Die Namen solcher Forscher wie