Kritik der Relativitätstheorie. 97 zulegen. Das Große, das er geleistet, ist zum unverlierbaren Eigentum der Physik geworden; die Einseitigkeit seines mate- rialistisch-mechanistischen Systems ist durchschaut und durch die genialen Ätheriker in der Physik, besonders durch Huyghens, Fresnel und Faraday, überwunden worden. Wie die Mathematiker zumeist, so hatte auch der große Newton ein einseitiges Interesse für Bewegungsvorgänge, weil diese den rein quantifizierenden menschlichen Geist mit elemen- tarer Gewalt auf sich lenken; weniger Sinn hatte er für die Aus- breitung qualitativer Erregungen in der Natur, und es mangelte ihm auch jenes eigentümliche Schauen, durch welches die erfinde- rischen Ätheriker ausgezeichnet sind. Der Äther bleibt ihm immer nur eine Hypothese, und diesem Äther gegenüber macht er seinen stolzen, aber längst entkräfteten Ausspruch,,hypotheses non fingo". Statt die Korrelation von Äther und Materie zu erfassen, bringt er die Materie mit sich selbst in Korrelation und glaubt durch jenen berühmten Kraftbegriff, durch den alle Teile der Materie wechselseitig aufeinander einwirken und die populär als die allgemeine ,,Anziehungskraft“ oder Gravitation der Materie gegen die Materie bekannt ist, die Einheitlichkeit des Naturganzen gesichert zu haben. Aber der Kraftbegriff, den er schuf, war im Grunde genommen unhaltbar, denn wenn die materiellen Teilchen m und m aufeinander wechsel- seitig einwirken, muß man die Kraft in beiden Teilen gleich- zeitig sitzend denken und gleichzeitig in zwei entgegengesetzten Richtungen wirkend vorstellen, was begrifflich offenbar ein Non- sens ist. Newton hat mit dieser Kraft immer nur kalkuliert, sie aber niemals erschaut, in ein Bild gefaßt, denn sie war von Haus aus nur durch den quantifizierenden Verstand gedacht und durch- aus unbildlich: einer Brücke vergleichbar, deren Grundpfeiler an beiden Ufern wohl ausgebaut sind, deren ganzer Brückenkörper aber fehlt und nur als Denkpostulat existiert. Diese unausgebaute Brücke, deren Uferpfeiler in den materiellen Teilchen m, und m befestigt waren, zwischen welchen aber das große Nichts, das Vakuum, gähnte, und die man mit dem mystischen Namen,, Fern- kraft" bezeichnet, übt auch heute noch auf manchen Forscher eine suggerierende Wirkung, darf aber der Hauptsache nach als überwunden betrachtet werden und führt nur noch eine geduldete und durch Pietät geheiligte Existenz. Sie ist ersetzt durch den Grundgedanken der Ätheriker, daß die Materie durch ihre Be- wegungen den Äther erregt, und daß diese Erregungszustände, sich im Äther ausbreitend, auf die entfernte Materie übergreifen und sich dort in Bewegung umsetzen. Freilich ist dieser Grund- gedanke der Umsetzung der Bewegung in Äthererregung und um- gekehrt der Äthererregung in Bewegungsvorgänge noch nicht ge- Palágyi, Weltmechanik. 7