96 Kritik der Relativitätstheorie. vermittels Begriffspaaren erfassen kann, die einander wechsel- seitig bedingen, also ohne einander nicht bestehen, d. i. keinen Sinn haben können. Dieses Verhältnis einander gegenseitig be- dingender Begriffe nennen wir das Korrelationsverhältnis, das eine fundamentale Bedeutung für alle menschliche Erkenntnis besitzt und sich überall geltend macht, wo zwei Grundverschieden- heiten, die aufeinander nicht zurückführbar sind, einheitlich er- faßt werden sollen. Man kann solche Begriffspaare (auf die ich schon in meiner,,Neuen Theorie des Raumes und der Zeit" hin- gewiesen habe) noch als gegeneinige Begriffe bezeichnen, weil sie zwar gegensätzlichen Charakter haben, aber eben deshalb ein- ander wechselseitig fordern und bedingen, also auch Einigkeits- charakter haben. In solchem korrelativen oder gegeneinigen Ver- hältnis stehen auch die Bewegungs- und Ausbreitungsvorgänge. Ohne Bewegungsvorgänge könnten sich auch keine Erregungen in der Natur ausbreiten, und umgekehrt würden ohne diese Aus- breitungen auch keine Bewegungsvorgänge in der Natur statt- finden. Genau in einem solchen Korrelationsverhältnis stehen auch der Äther und die Materie zueinander, d. h. sie bedingen sich gegenseitig, und nur infolge ihrer Wechselwirkung gibt es über- haupt eine Erscheinungswelt. Die ganze Physik ist eine Unter- suchung der Wechselwirkung von Äther und Materie bzw. der Korrelation von Bewegungs- und Ausbreitungsvorgängen. In dem Maße, als wir die Wechselwirkung von Äther und Materie kennen- lernen, schreiten wir in der physikalischen Erkenntnis vorwärts; eine völlig erschöpfende absolute Erkenntnis dieser Wechselwir- kung wird natürlich niemals zu gewinnen sein. Also nicht eine Relativitäts-, sondern eine Korre- lationslehre tut der Physik not, bzw. ein Wechselwirkungs- prinzip zwischen Äther und Materie. Auch das ältere Newtonsche Einheitsstreben in der Physik beruhte eigentümlicherweise auf einem Wechselwirkungsprinzip, war jedoch ganz einseitig gefaßt, indem es nur eine Wechselwirkung zwischen Materie und Materie statuierte. Den zentralen Gedanken der ganzen Philosophiae naturalis principia mathematica Newtons bildete das dritte Be- wegungsgesetz, welches lautet: Actioni contrariam semper et aequalem esse reactionem; sive corporum duorum actiones in se mutuo semper esse aequales et in partes contrarias dirigi, d. h. Wirkung und Gegenwirkung sind stets einander der Größe nach gleich und (der Richtung nach) entgegengesetzt; oder die Wir- kungen zweier Körper aufeinander sind immer gleich und nach entgegengesetzten Seiten gerichtet. Mit diesem Prinzip der Aktion und Reaktion, die sich gegenseitig bedingen, hatte Newton in großartiger Weise versucht, die Einheitlichkeit des gesamten anorganischen Naturverlaufs in mathematischer Einkleidung dar- -