Kritik der Relativitätstheorie. 95 als völlig ruhend gedacht werden. Denn würde es sich bewegen, so hätte dies die Bedeutung, daß Zustände sich in ihm nur durch Bewegung ausbreiten könnten, also keine eigene spezifische Kate- gorie von Vorgängen repräsentieren, mithin auch die Annahme eines spezifischen Äthers durchaus überflüssig wäre. Was sich bewegt, kann nur Materie sein, der Äther hingegen ist ein völlig ruhendes Medium, in welchem sich mannigfaltige Erregungen aus- breiten. Er ist gleichsam ein ruhender Ozean, in welchem rastlos Erregungszustände dahinfluten. Die Existenz des Äthers ist also keine Hypothese, sondern ebensosehr eine Denknotwendigkeit, wie die Existenz der Materie. Wer die Existenz des Äthers leugnet, der leugnet die Existenz von sich ausbreitenden Erregungszustän- den oder wenigstens ihren spezifischen Unterschied von den Be- wegungsvorgängen, der wirft die Physik auf dritthalb Jahrhunderte zurück, ja, er desorganisiert sie. Und das würde die auf Abwege geratene Relativitätslehre auch wirklich bewerkstelligen, wenn sie auf das Denken der besonnenen Experimentalphysiker (wie z. B. Lenard, Wien, Lummer, Gehrcke usw.) auch nur den gering- sten Einfluß gewinnen könnte. Der herrliche Fortschritt, den die Physik auf Anregung Descartes' und ganz besonders Huyghens' seit dritthalbhundert Jahren über Newton hinaus machte, besteht darin, daß sie den denknotwendigen Begriff des Äthers so auszu- bilden bestrebt ist, daß sie von den tief geheimnisvollen Erregungs- ausbreitungen der anorganischen Natur möglichst Rechenschaft geben könne. Freilich ist diese Aufgabe eine so überaus schwierige, daß der Ätherbegriff trotz der gewaltigen Einbildungskraft eines Huyghens, Fresnel und Faraday noch immer mit manchen wesent- lichen Schwierigkeiten behaftet ist. Verhält es sich aber nicht ebenso mit dem Materiebegriff, der dem Laienpublikum zwar durchaus verständlich erscheint, dem Forscher hingegen unablässig zu schaffen macht? Der Philosoph aber hegt die tiefe Überzeugung, daß sowohl die Materie als auch der Äther für die Naturforschung stets denknotwendige Hilfsmittel bleiben werden, obwohl sie in- folge der Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes niemals völlig zu ergründen sein werden. Ebenso denkt übrigens auch jeder experimentelle Physiker, der ein eigenes selbständiges Schauen besitzt und nicht bloß Nachbeter von Aufstellungen ist, die er von anderen übernimmt. Nun fragt sich jedoch: wenn es zwei Kategorien von irreduk- tiblen Vorgängen und zwei grundsätzlich verschiedene Substanzen, an die sie geknüpft sind, gibt: wie es da zu einer einheitlichen Naturauffassung kommen kann? Alle derartigen Vereinheit- lichungsprobleme beantwortet die Philosophie in folgender, sehr leicht verständlicher Weise. Es liegt in der Natur des mensch- lichen Verstandes begründet, daß er eine jede Wirklichkeit nur