94 Kritik der Relativitätstheorie. unbefangene philosophische Darstellung zeigt, daß der letzte Grund des Lorentz-Einsteinschen Abweges in dem Umstande zu suchen ist, daß die Physik zwar durch die Gesamtheit ihrer Er- fahrungen zu dem fundamentalen Satze gedrängt wurde, daß Aus- breitungen nicht auf Bewegungen zurückgeführt werden können, daß sie aber dem umgekehrten Satze, daß Bewegungen nicht auf Ausbreitungen zurückführbar sind der doch im ersten Satz schon mitenthalten ist, nicht aussprach und demzufolge nicht zur Klarheit des Satzes gelangte, daß es zwei große Klassen oder Kategorien irreduktibler Vorgänge in der anorganischen Natur gibt. Eigentlich ist dieser grundlegende Satz schon in dem soge- nannten Huyghensschen Prinzip enthalten, das die Art und Weise, wie der Lichtstrahl sich ausbreitet, in einer wunderbaren Figur ver- anschaulicht, welche eine der größten Leistungen physikalischer Intuition repräsentiert; aber der durch Huyghens erschaute grund- sätzliche Unterschied zwischen Ausbreitung und Bewegung war doch niemals auf abstrakte Begriffe gebracht und in Worte ge- kleidet worden. - Da nun endlich einmal dieser aus der Gesamterfahrung der Physik hervorgehende latente Satz ausgesprochen ist, so müssen wir gleich auch seine wichtigsten Konsequenzen erfassen, damit wir die Verirrungen der Relativitätslehre überwinden und den neuen Weg zur philosophischen Vereinheitlichung des ganzen physikalischen Gebäudes betreten können. Aus unserem fundamentalen Satz folgt zunächst, daß wir begreifen lernen, warum die Physik des Äthers als Substanz nicht entbehren kann. Die Physik ist nämlich nichts weiter als Er- scheinungs- oder Geschehenslehre des als anorganisch gedachten Kosmos. Sie hat es in erster Reihe mit Phänomenen zu tun, und mit der Substanz nur insofern, als die Phänomene sie zwingen, auf Substanzbegriffe zu reflektieren. Nur weil wir Bewegungs- vorgänge nicht zu denken, begrifflich zu fassen vermögen, ohne an ein Etwas zu denken, das sich bewegt, sind wir genötigt, den Materiebegriff zu schaffen und am Leitfaden der Erfahrung so auszubilden, daß wir uns von den Bewegungsvorgängen Rechen- schaft geben können. So müssen wir z. B. die Materie notwendig aus diskreten materiellen Punkten bestehend denken, weil der Begriff der Einzelbewegung, oder der Begriff von einer Mehrheit von Einzelbewegungen nicht faßbar ist, wenn wir die Materie nicht als diskrete Substanz denken, oder wie man dies auch aus- drücken darf, atomisieren. Ähnlich wie zu den Bewegungsvor- gängen verhält sich unser Verstand zu den Zustandsausbreitungen. Um sie begrifflich fassen zu können, müssen wir ein kontinuier- liches Medium haben, in welchem sich die Licht-, Elektrizitäts- und andere Zustände ausbreiten, und dies Medium muß notwendig