92 Kritik der Relativitätstheorie. haben, daß wir Bewegungen und Ausbreitungen als disparat er- kennen und nicht in den Widersinn geraten, Bewegung und Aus- breitung addieren oder im Sinne des Parallelogramms der Be- wegungen zusammensetzen zu wollen. Durch diese ebenso einfache wie vorurteilslose Deutung des Michelson-Versuchs (und der großen Schar verwandter Versuche) ist der Lorentzschen Kontraktions- und der Einsteinschen Rela- tivitätslehre jedweder Seinsgrund entzogen; sie fallen in sich selbst zusammen. Nur muß noch gezeigt werden, daß zwischen dem Michelson- und dem Fizeau-Versuch gar kein Widerspruch be- steht, da sie beide auf zwei gänzlich verschiedene Fragen Antwort erteilen, von denen die eine ebenso natürlich wie die andere ist. Der Fizeau-Versuch (18') zeigt uns nämlich, daß, wenn ein Licht- strahl im Verlaufe seiner Ausbreitung durch strömendes Wasser hindurchgeht, seine Geschwindigkeit eine andere ist, als wenn er durch ruhendes Wasser hindurchlaufen würde. Man hat diese höchst interessante Tatsache in figürlicher Ausdrucksweise so ausgesprochen, als ob ein Teil der Strömungsgeschwindigkeit des Wassers sich zur Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts im Was- ser hinzuaddieren könnte. Wäre dies möglich und bestünde irgendein Additions- oder Zusammensetzungsprinzip zwischen Bewegungsvorgang und Lichtausbreitung, dann würde freilich der disparate Charakter der beiden Klassen von Vorgängen nicht bestehen können. Dann würden der Michelson- und der Fizeau- Versuch einander widersprechen, und unser physikalisches Denken wäre von einer Krise ohne gleichen bedroht. Nun erfordert es aber gar keinen Scharfsinn, um auf den ersten Blick hin zu er- kennen, daß der Fizeau-Versuch absolut nicht als eine Art von Zusammensetzung eines Bewegungsvorganges mit einer Lichtaus- breitung gedeutet werden darf. Bei der Zusammensetzung zweier Bewegungen nach dem Prinzip des Parallelogramms spielt näm- lich die Beschaffenheit jener materiellen Massen, deren Bewegung zusammengesetzt werden sollen, gar keine Rolle, wohingegen beim Gange des Lichtstrahls durch eine Flüssigkeit ob nun diese Flüssigkeit ruhen oder sich bewegen mag - der Beschaffenheit dieser Flüssigkeit eine entscheidende Bedeutung zukommt. Dringt ein Lichtstrahl in irgendeinen durchsichtigen, festen oder flüssigen Körper ein (Glas oder Wasser), so wird er bekanntlich gebrochen, d. h. er ändert beim Eintritt in das neue Medium seine Richtung und seine Geschwindigkeit! Es ist gewiß nicht das Brechungs- gesetz von Snell-Descartes und dann seine tiefere Bedeutung in Erinnerung zu bringen. Man weiß, daß, wenn der Lichtstrahl aus der Luft ins Wasser tritt, sein Brechungsindex etwa 4/3 beträgt, was so viel bedeutet, daß das Verhältnis der Ausbreitungsgeschwin- digkeit des Lichts im Wasser zu derjenigen in der Luft etwa 3:4 ist. -――――