Kritik der Relativitätstheorie. 91 Wir wollen das soeben Behauptete noch schärfer präzisieren. Bei einem Bewegungsvorgang gehört der ganze zurückgelegte Weg s der Vergangenheit an und ist insofern eine bloß imaginierte Größe. Sie wäre nur dann real, wenn alle ihre Teile gleichzeitig gegenwärtig wären, was natürlich ausgeschlossen ist, weil Be- wegung eben nur dadurch Bewegung ist, daß ein jeder zurück- gelegte Wegteil nicht mehr gegenwärtig ist. Bei einem sogenann- ten Lichtstrahl hingegen sind alle zurückgelegten Wegteile real gegenwärtig: er ist, um dies drastisch zu versinnlichen, einem ausgestreckten Stabe vergleichbar, der an seinem freien Ende fortwährenden Zuwachs erfährt, freilich beträgt dieser Zuwachs in jeder Sekunde die Länge von 300000 Kilometer. Schärfer können wir den disparaten Charakter von Bewegungsweg und Lichtweg nicht beleuchten, als wenn wir den ersteren seiner ganzen Länge nach als imaginiert, den letzteren hingegen als real gegen- wärtig erklären. Dauert z. B. ein Bewegungsvorgang 1/1000 Se- kunde, so gehört der ganze während dieser Zeitdauer zurückgelegte Weg am Ende der 1/1000 Sekunde schon der Vergangenheit an. Dauert hingegen ein Lichtstrahl 1/1000 Sekunde, so hat er während dieser Zeit einen Weg von 300 Kilometer zurückgelegt, und diese Strecke ist am Ende der 1/1000 Sekunde ihrer ganzen Länge nach beleuchtet: sie ist im neuen mathematischen Augenblick eine reale Lichtlinie von 300 Kilometer Länge. Hat sich aber die Lichtquelle während der 1/1000 Sekunde (in der Richtung des bestrahlten Weges) um 30 Meter fortbewegt, so ist dadurch die 300 Kilometer lange Lichtlinie an ihrem Ursprunge um 30 Me- ter verkürzt worden, hat jedoch an ihrem freien Ende einen Zu- wachs um 30 Meter erfahren, so daß ihre Länge am Ende der 1/1000 Sekunde 300 Kilometer bleibt, gleichviel, ob die Licht- quelle sich bewegt hat oder nicht. Der Bewegungsvorgang kann sich zum Lichtausbreitungsvorgang nicht hinzuaddieren. Die Ausbreitung des Lichts birgt ein tiefes Geheimnis in sich, das man in negativer Form so aussprechen kann: die Ausbreitung geschieht nicht durch Bewegung. Aber wieso geschieht sie dann? Die Antwort ist die folgende: wenn an dem Orte a irgendein phy- sischer Zustand herrscht (z. B. ein Helligkeitszustand), so erregt er in seiner unmittelbaren Nachbarschaft b einen Zustand gleicher Art. Der Zustand hat sich von a nicht fortbewegt (weil Zustände überhaupt keine Bewegungsfähigkeit haben), er ist also an seinem Platze geblieben, nur hat er einen Zustand von gleicher Art in b geweckt oder hervorgerufen. So weckt auch der Zustand in b, ohne von seiner Stelle zu weichen, einen Zustand gleicher Art in seiner unmittelbaren Nachbarschaft c usw. Die Ausbreitung geschieht nicht durch Bewegung, sondern durch Weckung oder Hervorrufung: ein Satz, mit dem wir jedenfalls so viel gewonnen