90 Kritik der Relativitätstheorie. gramm der Bewegungen. Aber ein Parallelogramm von Bewegung und Ausbreitung kennt die Physik nicht und wird es auch niemals kennenlernen, weil es keinen Sinn hat, Ungleichartiges (geometrisch oder arithmetisch) addieren zu wollen. Der Michelson-Versuch be- weist für den unbefangenen Denker eben nichts weiter als den disparaten Charakter von Bewegung und Lichtausbreitung, und weil er dies beweist, bleibt er ein epochaler Versuch der neueren Physik und leitet eine neue Periode in unserer Naturauffassung ein. Er sagt zwar im Grunde nichts Neues aus, denn die, Gesamt- erfahrung der Physik der vorausgehenden Epoche drängte zu dem fundamentalen Satze hin, daß die Naturvorgänge sich nicht auf bloße Bewegungen zurückführen lassen; ein negativer Satz, der nunmehr auch positiv formuliert werden kann: daß nämlich die Vorgänge der anorganischen Natur in zwei große Klassen, in Be- wegungen und Breitungen zerfallen, die völlig ungleichartig und aufeinander nicht zurückführbar sind. Man wird mir aber entgegenhalten, daß die enttäuschten Er- wartungen, die sich an den Michelson-Versuch knüpften, auf einer ziemlich elementaren und untrüglichen Rechnung beruhten, die ein jeder algebraisch geschulte Gymnasiast überprüfen und be- stätigen kann. Das ist allerdings nicht zu leugnen, und die frag- liche Rechnung, die ich hier nicht reproduzieren will, ist an und für sich durchaus tadellos, nur beruht sie auf einer grundfalschen Voraussetzung bezüglich der Tatsachen, auf welche sie sich bezieht. Die Rechnung setzt voraus, daß die Erdbewegung sich zu dem Lichtwege hinzuaddieren, von ihr subtrahieren und sich überhaupt mit ihr zusammensetzen lasse. Ich will diese absurde Zusammen- setzung eines Bewegungsvorganges mit einer Lichtausbreitung an einem leicht faßlichen Beispiel veranschaulichen, damit sich jeder- mann von ihrer Absurdität überzeugen könne. Man denke an ein Automobil, daß mit seinen zwei glühenden Lampenaugen durch die Nacht dahinrast. Addiert sich etwa der Weg des Fahrzeuges zu dem Weg des ausgesandten Lampenlichtes hinzu? Eine leichte Überlegung zeigt, daß dies eine Unmöglichkeit ist. Wenn das Fahrzeug von der Stelle a ausgeht und sich im nächsten Augen- blick an der Stelle b befindet, so leuchtet die Lampe nicht mehr in a, sondern in b. Gelangt das Fahrzeug im nächsten Augenblick an die Stelle c, so leuchtet die Lampe weder in a noch in b, son- dern ihr Licht geht eben von dem Punkte c aus. Und so weiter. Kurz, der Lichtweg wird immer von der Stelle gerechnet, wo sich die Lichtquelle eben befindet, also geht die ganze durch das Fahr- zeug zurückgelegte Strecke für den Lichtweg völlig verloren, d. h. der Weg des bewegten Fahrzeuges addiert sich zu dem Licht- weg nicht hinzu. Autobewegung und Lichtausbreitung sind disparat.