Kritik der Relativitätstheorie. 89 suchten Lichtstrahlen verhielten sich, als ob sie sich auf ruhender Erde fortgepflanzt hätten. Und da es nicht an der außergewöhn- lichen Empfindsamkeit des Me Bapparates lag, daß der Versuch leer ausging, war die wissenschaftliche Welt geradezu konsterniert, in ihrer auf strenger Berechnung ruhenden Erwartung so gründ- lich desavouiert worden zu sein. Und die Konsternation war um so größer, weil ein anderer ebenso bedeutsamer Versuch, der nicht minder berühmte Fizeau-Versuch, wo es sich um die Fortpflanzung des Lichtes im strömenden Wasser handelte, den bestimmten Beweis erbrachte, daß die Geschwindigkeit des strömenden Was- sers sich wenigstens teilweise zu der Geschwindigkeit der Licht- ausbreitung hinzuaddierte. Zwei Versuche von gleich klassischem Werte scheinen einander völlig zu widersprechen, und die Physik war in ein Dilemma geraten wie vielleicht noch niemals zuvor. Der Michelson-Versuch wirkte wie eine schwere Niederlage auf die Geister und hatte eine Zerrüttung des wissenschaftlichen Denkens zur Folge, aus welcher zwei miteinander eng verbundene Theorien, die Lorentzsche Kontraktions- und die Einsteinsche Relativitätstheorie, hervorgingen. Um ihnen beiden gegenüber Stellung nehmen zu können, müssen wir das Resultat oder die Resultatlosigkeit des Michelson-Versuches noch einmal mit der möglichsten philosophischen Vorurteilslosigkeit durchdenken und dabei vorläufig den scheinbar widersprechenden Fizeau-Versuch ganz außer acht lassen. Also, was lehrt der Michelson-Versuch, wenn man ihn unvoreingenommen und allein für sich betrachtet? Die vielen hervorragenden Mathematiker und Physiker, die an dem Ergebnis des Michelson-Versuches Anstoß nehmen, mögen es mir verzeihen und mich dafür nicht ohne weiteres verdammen, wenn ich es offen gestehe, daß mich das Resultat des Michelson- Versuches, seitdem ich von demselben zureichende Kenntnis ge- nommen hatte, stets mit inniger Befriedigung erfüllte. Ich fand nichts für natürlicher, beinahe selbstverständlicher, als daß ein solches Zweigespann wie der Lichtstrahl und die Erdbewegung gar kein Zweigespann darstellen, und daß die Erdgeschwindigkeit durchaus nicht zu der Geschwindigkeit eines sich in der gleichen Richtung ausbreitenden Lichtstrahls hinzuaddierbar ist, weil die Geschwindigkeit eines Körpers und die Lichtgeschwindigkeit zwar dem Namen nach gleich, aber in ihrem Wesen grundverschieden sind. Lichtausbreitung und Bewegung sind disparate Vorgänge, die sich ebensowenig zusammensetzen lassen, wie man z. B. Sekunden und Meter nicht zusammenzählen kann, und es keinen Sinn hat, zu fragen, welche Summe zehn Sekunden und zehn Meter aus- machen. Bewegung und Bewegung lassen sich allerdings zusammen- setzen, weil sie gleichartig sind, und die Bewegungslehre kennt tatsächlich das Zusammensetzungsprinzip, das sog. Parallelo-