Kritik der Relativitätstheorie. 87 Aufgabe, daß sich nicht leicht ein Physiker an sie heranwagt. Hat nun etwa die Relativitätslehre diese aktuellste Aufgabe der Physik gelöst, oder auch nur einen Versuch zu ihrer Lösung ge- macht? Gewiß nicht. Es handelt sich ihr durchaus nur um die Relativität von Bewegung: sie relativiert die Bewegung, sie rela- tiviert wie man dies ausdrückt Raum und Zeit und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit von allen fruchtbaren Problemen ab, mit denen sich die Experimentalphysik beschäftigt. In allen elektrischen, Licht-, Wärme- und Schallerscheinungen finden Vorgänge statt, die ihrer Natur nach von der Bewegung grundverschieden sind; die Physik hat sie aber bislang noch nicht mit einem eigenen Namen, einem besonderen Kunstausdruck be- zeichnet, und dieser Umstand erschwert wesentlich unsere Betrach- tungen. Es handelt sich da um die Ausbreitung von eigentüm- lichen Zuständen: Helligkeitszuständen, Wärmezuständen, elek- trischen Zuständen, die für den oberflächlichen Betrachter nichts weiter als Bewegungen sind; in Wirklichkeit aber Vorgänge sui generis sind und als solche, so schwer es auch fallen mag, erfaßt werden müssen. Ich werde diese Klasse von Vorgängen Aus- breitungen oder kürzer Breitungen nennen und stelle den Satz auf, daß alle Vorgänge in der anorganischen Natur teils Bewegun- gen, teils Breitungen sind, die aufeinander nicht zurückgeführt werden können, d. h. spezifisch verschieden sind; ein Satz, der übrigens nichts weiter als eine bequeme philosophische Formel für die Gesamtheit der physikalischen Erfahrung darstellt. Auf- gabe der heutigen Physik ist dementsprechend, diese zwei Grund- klassen von Vorgängen zunächst in ihrem spezifischen Unterschied und dann auch in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zu erfassen, weil dadurch die Einheitlichkeit der Gesamterfahrung der Physik - soweit dies nur derzeit möglich ist - hergestellt werden könnte. Daß die moderne Physik tatsächlich von diesem grandiosen Pro- blem beherrscht wird, das zeigt am besten der Michelsonsche Ver- such, der zugleich auch als der Ausgangspunkt der neuen Relativi- tätslehre bezeichnet werden darf. Es ist also zweckmäßig, vor allem diesen Versuch näher zu beleuchten. — - 1. Der Michelsonsche Versuch. Das ungewöhnliche Interesse, das dieses Experiment mit Recht in Anspruch nimmt, beruht darauf, daß es die zwei Grund- klassen von Erscheinungen, die Bewegung und die Breitung, in faßbarster Weise in Verbindung setzt und direkt auf die Beleuch- tung des Einheitsproblems der Physik ausgeht. Als Repräsentant der Bewegungsvorgänge fungiert hier die Bewegung der Erde um die Sonne, als Repräsentant der Breitungsvorgänge die Ausbrei- tung des Lichtes im Medium der Luft (bzw. des Äthers). Wie ver-