86 Kritik der Relativitätstheorie. tot und begraben, und niemand vermag sie mehr zu neuem blühenden Leben zu erwecken. Aber was heißt das, daß die Vorgänge der anorganischen Na- tur nicht auf Bewegung zurückgeführt werden können? Was will dieser dunkle Ausdruck,,zurückführen" besagen? Man geht dieser unbequemen Frage gern aus dem Wege, und dadurch ist in der heutigen Wissenschaft viele Verwirrung entstanden. Die ein- seitigen Mechanisten glaubten, daß alles, was in der anorganischen Natur vor sich geht, durchaus nur Bewegung sein könne, entweder solche Bewegung, die sichtbar am Himmel und auf der Erde, im Makro- und Mesokosmos auftrete, oder heimliche unsichtbare Bewegung, die sich in der Welt der Atome verborgen hält und für den Men- schen als Schall, als Wärme, Licht und Elektrizität zum Vorschein komme. Aber ob sichtbar oder unsichtbar, könne doch alles, was in der physischen Welt geschieht, nichts weiter als pure Bewegung sein. Und da man das, was sich bewegt, Materie nennen muß, so sei die ganze Physik durchaus nichts weiter als eine Lehre von den Bewegungen bzw. den Bewegungsgesetzen der Materie. Das war der Jugendtraum der Physik; er ist für immer zerronnen. Denn seitdem die elektromagnetischen Vorgänge und überhaupt die Strahlungserscheinungen in den Vordergrund der physikalischen Forschung traten und die ganze Umwelt des Menschen in märchen- hafter Weise umgestalten, hat sich die Überzeugung immer mehr befestigt, daß, was in der Natur vor sich geht, noch etwas mehr sei als pure Bewegung, daß die Substanz, welche die Trägerin der Erscheinungswelt ist, etwas mehr sei als pure Materie. Hat nun aber die Wissenschaft es klar ausgesprochen, daß es außer den sichtbaren und unsichtbaren Bewegungen in der Natur auch noch andere Vorgänge gibt, die grundverschieden sind von der Bewegung, also auf Bewegung niemals zurückgeführt werden können? Nein, das hat sie nicht oder zumindest nicht mit der nötigen Deutlichkeit und Entschiedenheit getan. Die Physik zaudert seltsamerweise an diesem wichtigen, ja entscheidenden Punkte. Es ist, als ob sie vor der Größe ihrer eigenen Entdeckun- gen zurückscheuen würde und was sie in tausend wunderbaren Experimenten vorführt, schüchtern verschweigen wollte. Was sie in erstaunlichen Taten darlegt, das will ihr nicht recht über die Lippen kommen. Denn sie müßte dann Rede und Antwort stehen, was denn das für Vorgänge sein mögen, die toto genere von der Bewegung verschieden seien. Sie müßte diese andere Klasse von Ereignissen der Bewegung gegenüberstellen und sie in ihren Grundmerkmalen kennzeichnen, auf das jedermann sich über- zeuge, daß sie tatsächlich ebenso raumzeitliche Geschehnisse, Er- eignisse sind wie die Bewegung und doch gleichsam das Gegen- stück derselben repräsentieren. Das ist aber eine so schwierige