III. Kritik der Relativitätstheorie. Die Physik hat in unseren Tagen einen solchen Höhepunkt ihrer Entwicklung erlangt, daß sie mit mehr Recht als jemals an die stolze Aufgabe der Vereinheitlichung ihres ganzen Lehr- gebäudes herantreten darf. Sie verfügt über einen solch unge- heuren Reichtum gesicherter und wohlgeordneter, mathematisch formulierter Tatsachen, daß sie im Interesse ihrer eigenen Über- sichtlichkeit und ihres Fortschrittsbedürfnisses mehr als jemals darauf bedacht sein muß, das gemeinsame Band zu finden, das alle Klassen von Vorgängen der raumzeitlichen anorganischen Welt umschlingt. Die Lehren von der Bewegung, vom Schall, Licht, Elektrizität, Magnetismus und Wärme sind dermaßen fortge- schritten, daß sie mit elementarer Gewalt zur Erhellung ihres tieferen, inneren Zusammenhanges hintreiben, so daß man ohne Übertreibung sagen darf, sie überschäume derzeit förmlich von einem hochgezielten philosophischen Einheitsdrange. In diesem herrlichen psychologischen Moment des kühnsten Ausgreifens ist nun unerwartet eine seltsame Lehre, die Relativitätstheorie, hervor- getreten, mit dem offenbaren Anspruche, die höchsten Hoffnungen des physikalischen Forschungsgeistes zu verwirklichen und ein Prinzip zu formulieren, das für die ganze Physik grundlegend, also für alle speziellen Erscheinungsgebiete gültig sein und gleich- sam ein über alle anderen Gesetze stehendes Gesetz darstellen soll. Wohl noch niemals hat eine in mystisch-mathematischem Gewande auftretende Lehre solches Aufsehen erregt, soviel Begeisterung und Schwärmerei natürlich eben bei jenen geweckt, die kein Wort von ihr verstehen. Aber es mehren sich auch die kritischen Stim- men gerade in den Kreisen der besonnensten Experimental physiker, die jene angebliche Bedeutung der Relativitätslehre ernstlich in Zweifel ziehen. Sie meinen, daß der sogenannte Relativitäts- gedanke weit davon entfernt sei, das physikalische Lehrgebäude zu vereinheitlichen, im Gegenteil trage dieser Gedanke den Geist der Unsicherheit und des Zweifels in die exakte Naturforschung, ja er zersetze die Grundbegriffe derselben, ohne brauchbarere an ihrer Stelle zu formen. Am denkwürdigen Naturforschertage zu Nauheim kam dieser große Gegensatz der Ansichten, wenn auch