78 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. denn sie leugnet ja wie wir uns früher überzeugten den kau- salen Zusammenhang zwischen Sonder- und Kollektivbewegungen und darf dementsprechend auch auf den Äther und seine Wechsel- beziehung zur Materie verzichten. Wer sich in einen Widerspruch verstrickt, braucht nur konsequent zu sein, um zu tausend Wider- sprüchen zu kommen. Es darf übrigens auch nicht geleugnet wer- den, daß die Einsteinsche Theorie, eben weil sie den Lebensnerv der theoretischen Physik, die Existenz des Äthers angreift, einen mächtigen Anstoß zum Fortschritt der Physik gibt, denn sie zwingt die Forscher, den einwandfreien Beweis dafür zu erbringen, daß die Physik ohne den Äther ebensowenig auskommen kann wie ohne die Materie. Allerdings gibt es eine Art von Philosophen, die,,Phä- nomenalisten", die den Substanzbegriff überhaupt nicht dulden mögen und den Äther samt der Materie aus der Physik verweisen wollen, aber diese Art von Denkern kommt über einen unfrucht- baren, skeptisch betonten Wortstreit niemals hinaus. Es ist näm- lich eine reine Unmöglichkeit, sich eine Bewegung vorzustellen, ohne daß man ein Etwas annehmen müßte, das sich bewegt, denn dieses Etwas ist es ja, das zu verschiedenen Zeiten verschiedene Orte einnimmt. Fehlt aber dieses Etwas, so kann man auch nicht von seinen Ortsveränderungen, also auch nicht von einer Bewegung sprechen. Gerade das Bestreben, die Phänomene richtig zu deuten, also der richtig verstandene Phänomenalismus, führt zur not- wendigen Annahme einer Substanz, welche die Trägerin der Er- scheinungen, insbesondere der Bewegungen ist. Untersucht man nun genauer die Bewegungen, so findet es sich, daß man Singulär- und Kollektivbewegungen als artverschieden auseinander halten. muß, was unseren Verstand weiterhin zwingt, den Substanzbegriff zu spalten und der diskontinuierlichen, beweglichen Materie den kontinuierlichen, unbewegten Äther entgegenzusetzen. - - In Die Physiker der neueren Zeit haben es von jeher gefühlt, daß sie keiner der beiden Substanzen entraten können, aber ihr philo- sophisches Gewissen kam hierdurch in die schwerste Bedrängnis. Ein,,Dualismus" der physischen Substanzen schien ihnen mit der „einheitlichen“ Naturauffassung nicht verträglich zu sein. dieser Denkweise kommt aber die gefährlichste aller möglichen logischen Verirrungen zum Vorschein. Niemand hält es für einen „Dualismus“, daß wir Zeit und Raum für grundwesentlich von- einander verschiedene und aufeinander nicht zurückführbare Ordnungsbegriffe halten. In einen logisch fehlerhaften Dualismus würden wir nur dann geraten, wenn wir Zeit und Raum nicht nur als grundwesentlich verschiedene, sondern auch als voneinander unabhängige Begriffe auffassen würden. Die Einheitslehre von Zeit und Raum besteht also nicht darin, daß wir die Verschieden- heit der beiden Ordnungen, sondern daß wir ihre Unabhängigkeit