Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 71 Für die Passagiere, die sich in dem gleichförmig gleitenden Schiffe befinden, ist diese Bewegung ihres Fahrzeuges so gut wie nicht vorhanden; sie haben die Illusion, sich auf ruhendem Boden zu befinden, und vollbringen in den Räumlichkeiten des Schiffes me- chanische Arbeiten, Manipulationen, physikalische Experimente, als ob die Bewegung des Schiffes nicht vorhanden wäre. Diese so wohlbekannten Erlebnisse, die sich jedermann selbst ins Ge- dächtnis rufen mag, befestigen die starke empirische Überzeugung, daß in einem gleichförmig-geradlinig bewegten materiellen System (dem Schiffe) dieselben mechanischen Gesetze herrschen wie in einem ruhenden materiellen System, daß also die inneren mecha- nischen Vorgänge des Systems völlig unabhängig sind von der gleichförmigen Kollektivbewegung desselben. Das ist aber eben der Inhalt des sogenannten Relativitätsprinzips der Mechanik. Kein Denkender wird sich vor solchen eindringlich sprechen- den Tatsachen verschließen, aber er wird sich auch hüten, dieselben mystisch zu deuten und sich zu jener Wundersüchtigkeit hinreißen zu lassen, die in dem,,Relativitätsprinzip“ zum Ausdruck gelangt. Man vergesse nicht, daß das bewegte Schiff trotz seiner Bewegung eingeschaltet bleibt in ein höheres materielles System, in das System der Erde, so daß man sich nicht übermäßig zu verwundern braucht, wenn man allgemeine mechanische Gesetzlichkeiten, die man aus den Erfahrungen auf festem Lande kennt, auch auf bewegtem Schiffe wiederfindet. Ein Wunder wäre es nur, wenn das Schiff, aus dem Verbande mit dem Erdkörper gelöst und im freien Welt- äther gleitend, in seinem Innern noch immer jene speziellen Ge- setzlichkeiten erkennen ließe, die nur auf der Erde und nur im Verbande mit der Erde herrschen können. Man spreche also nicht von der Kollektivbewegung des Schiffskörpers, als ob sie den gleichen Rang hätte wie die Kollektivbewegung des Erdkörpers, und man unterscheide zwischen höheren und niederen Kollektiv- bewegungen, welche letzteren in das Reich der ersteren eingeschal- tet sind. Abstrakt betrachtet, ist freilich eine jede Bewegung nichts weiter als Bewegung, ob sie nun einem höheren oder nie- deren materiellen System angehören möge; aber will man der Naturwirklichkeit gerecht werden, dann darf man bei der bloß abstrakten Betrachtung der Bewegung nicht stehenbleiben, son- dern muß eine mathematische Theorie der ineinander gleichsam eingeschachtelten Stufenreihe von Kollektivbewegungen entwickeln. Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, daß in Hinsicht der Stufen- leiter der Kollektivbewegungen drei Hauptstufen, die makro- kosmische, mesokosmische und mikrokosmische Bewegungsstufe, zu unterscheiden sind, wenn sie auch empirisch nicht scharf von- einander getrennt werden können. Die mesokosmischen Kollektiv- bewegungen sind die uns eigentlich vertrauten, sowohl durch das