Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 55 So wird es uns nunmehr begreiflich, weshalb Newton die Unmöglichkeit der Trägheitsbewegung nicht aussprechen durfte. Da wir nämlich die absolute Bewegung der Körper unter keinen Umständen wahrnehmen und konstatieren können, so wäre es recht wohl möglich, daß die Erde samt dem Sonnensystem, ja der ganze Sternenhimmel eine gleichförmig-geradlinige Bewegung hätten, die uns aber wegen ihres absoluten Charakters für immer verborgen bliebe. Der Begriff der absoluten Be- wegung kam dem Begriff der Trägheitsbewegung zu Hilfe, um die letztere als real möglich erscheinen zu lassen. Oder mit anderen Worten: die mögliche Realität der absoluten Bewe- gungen, die uns notwendig für immer unbekannt bleiben, verhin- derte Newton daran, die reale Unmöglichkeit der Trägheitsbewe- gung auszusprechen. Die ganze Weltmaterie könnte ja in gerader Linie mit gleichförmiger Geschwindigkeit durch den (stehend gedachten) grenzenlosen Raum streichen. Newton war also in seinem guten Rechte, wenn er die Entscheidung über die reale Möglichkeit einer gleichförmigen Translation in Schwebe hielt. Wir freilich brauchen auf eine absolute Bewegung im Newton- schen Sinne (d. h. im stehend gedachten Raume) gar keine Rück- sicht zu nehmen. Auf Grundlage der Einheitslehre von Raum und Zeit müssen wir annehmen, daß die Weltmaterie durch die stetige Reihe von unendlich nahen Nachbarräumen Ro, R1, R2... usw. hindurchdringt, und daß sie in jedem dieser Querräume nur während des Zeitelements dt verweilt. Die Materie kann dem- zufolge keine derartige absolute Bewegung haben, wie sie sich Newton dachte. Die einzige Bewegung nämlich, die die Welt- materie in Beziehung auf irgendeinen Querraum haben kann (d. i. die einzige absolute Bewegung, die ihr zukommt), ist, daß sie diesen Querraum verläßt und ohne Unterlaß durch immer neue Querräume stürmt. An Stelle der Newtonschen absoluten Be- wegung tritt solchermaßen die symbolische Bewegung in der Zeitdimension. Wir verwerfen demnach den Begriff der abso- luten Bewegung nicht, sondern reduzieren ihn bloß auf etwas er- fahrungsgemäß durchaus Bekanntes auf den Zeitstrom. Wir nehmen also in gewissem Sinne die absolute Bewegung der gesam- ten Weltmaterie wahr, in dem Sinne nämlich, daß sie sich uns als allgemeiner Zeitstrom merklich macht. Es gibt tatsächlich eine absolute Bewegung der Weltmaterie, und sie hat tatsächlich den Charakter einer gleichförmigen Trans- lation, nur findet sie nicht im dreidimensionalen Raume statt, sondern verläuft in der vierten Dimen- sion, d. h. sie ist symbolischer Natur und kommt uns als Zeitfluß zum Bewußtsein. -