Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 53 dieses Prinzips eigentlich schon im vorigen Abschnitt enthalten ist. Im Sinne unserer Ausführungen hat das Beharrungsprinzip eine fundamentale logisch-methodische Bedeutung für die Begründung einer Mechanik, denn es will besagen, daß eine Theorie der ungleichförmigen Bewegungen ohne Hilfe des Begriffs von der gleichförmigen Bewegung nicht ausgebildet werden kann. Gleich- förmige und ungleichförmige Bewegung sind eben korrelative Be- griffe, die einander wechselseitig bedingen und die nur im innigsten Verein miteinander ausgebildet werden können. Es ist einfach ein methodisches Postulat unseres Denkens, der ungleich- förmigen Bewegung in jedem Zeitelement dt eine andere gleich- förmige Bewegung zugrunde zu legen, weil wir das Gesetz der Ungleichförmigkeit nur durch die Änderung in der Gleichförmig- keit zu erfassen vermögen. Nun tritt aber das Beharrungsprinzip nicht als bloß logisch-methodisches Postulat für die Begründung einer Mechanik auf, sondern es will auch ein mechanisches Real- gesetz der Natur sein. Hiermit setzt aber auch seine Mystik ein. Betrachten wir das Newtonsche erste Bewegungsgesetz etwas genauer, so findet sich, daß es als Realprinzip aufgefaßt ein Meister- werk diplomatischer Vorsicht ist, da es zwei gegensätzliche Deu- tungen zuläßt und dabei doch den Schein klassischer Eindeutig- keit erweckt. Es sei hier im Wortlaute reproduziert.,,Corpus omne perseverare in statu suo quiescendi vel movendi uniformiter in directum, nisi quatenus illud a viribus impressis cogitur statum suum mutare.“ Jeder Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung, solange er nicht durch auf ihn einwirkende Kräfte gezwungen wird, seinen Zustand zu ändern. Man kann nun aber fragen: wann tritt der Fall ein, daß ein Körper völlig sich selbst überlassen ist, d. h. daß gar keine äußeren Kräfte auf ihn einwirken? Da sich hierauf die Antwort darbietet, daß ein solcher Fall innerhalb unserer Welt niemals eintreten kann, weil ein Körper immer dem Einfluß von anderen Körpern ausgesetzt ist, so kann man aus dem Beharrungs- prinzip folgern, daß eine Trägheitsbewegung niemals zustande kommen könne. Dann würde das Newtonsche erste Bewegungs- gesetz in völliger Übereinstimmung sein mit der negativen Form unseres ersten weltmechanischen Gesetzes. Freilich läßt das Newtonsche Prinzip auch eine entgegengesetzte Auslegung zu, weil es mit solcher positiven Bestimmtheit von dem,,Zustande der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung" spricht, in dem ein jeder Körper beharrt, daß der Schein entsteht, als ob dieser Zustand als ein ursprünglicher realer Zustand eines jeden Körpers aufgefaßt werden müßte. Obzwar nun die erste Interpretation eine logische, die zweite hingegen eine mystische ist, so neigt doch Newton offenbar dieser letzteren zu, und diese