Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 47 gung ist es, die uns als Zeitfluß zum Bewußtsein kommt. Übrigens werden wir noch Gelegenheit haben, tiefere und schärfere Ein- blicke in das Wesen der Zeit zu gewinnen. Der Satz von der unmöglichen Realität gleichförmig-gerad- liniger Bewegungen im dreidimensionalen Raume hat eine weit größere (über die ganze Physik sich erstreckende) Tragweite, als man es auf den ersten Blick hin glauben möchte. Die Unklarheiten der herkömmlichen Mechanik wie auch die Widersprüche der modernen Relativitätstheorie entspringen hauptsächlich dem Um- stande, daß dieser Satz nicht erkannt oder wenigstens nicht klar ausgesprochen wurde. Wer eine reale gleichförmig-geradlinige Bewegung im dreidimensionalen Raume setzt, der erhebt die Raumlinie, in welcher diese angeblich reale Bewegung stattfindet, zu einer Zeitachse. So viele gleichförmig-geradlinige Bewegungen jemand als real statuiert, so viele voneinander verschiedene Zeit- achsen oder Zeitströme (Zeitparameter) hat er geschaffen. Die Zer- stückelung des Zeitbegriffes in beliebig viele voneinander verschie- dene Zeitparameter durch die moderne Relativitätstheorie hat ihre eigentliche Quelle in der Annahme von beliebig vielen gleichförmig- geradlinigen Bewegungen im dreidimensionalen Raume. Wer die Realität von gleichförmig-geradlinigen Bewegungen in unserem dreidimensionalen Raume zugibt, muß not- wendig den alten einheitlichen Zeitbegriff aufgeben und verschiedenartige Zeitströme mit verschieden- artigem (objektivem) Tempo statuieren. Soll also die Ein- heitlichkeit des Zeitbegriffes erhalten bleiben, so muß wie wir dies oben getan die Unmöglichkeit realer gleichförmig-gerad- liniger Bewegungen nachgewiesen werden. Das bloße Fingieren solcher Bewegungen bleibt freilich jedermann gestattet; ja, was noch mehr sagen will: es ist für den Physiker eine Unmöglichkeit, das Fingieren gleichförmig gerad- liniger Bewegungen zu vermeiden. Wir können nämlich eine Theorie der ungleichförmigen Bewegungen nicht ausbilden, ohne dieselbe fortwährend mit bloß gedachten gleichförmigen Be- wegungen zu vergleichen. Bekanntlich sind wir bei der mathema- tischen Darstellung ungleichförmiger Bewegungen gezwungen, sie in lauter unendlich klein werdende Bewegungen gleichförmigen Charakters zerlegt zu denken. Denn erst, indem wir die Geschwindig- keit eines materiellen Punktes P in dem einzelnen Zeitelement dt als konstant setzen, können wir die Änderung der Geschwindig- dv keit von Zeitelement zu Zeitelement begrifflich erfassen dt und den Begriff der Beschleunigung wissenschaftlich ausbilden. Wenn ich also die Realität gleichförmig-geradliniger Bewegungen leugne, so bezieht sich dies nur auf Bewegungen von endlicher