44 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. zustellen, so hat dies nur so viel zu bedeuten, daß wir der Zeit und dem Raum einen wesentlich disparaten Charakter zuschrei- ben müssen. Niemals läßt sich der Zeitbegriff auf den Raum- begriff zurückführen; niemals kann auch eine Raumachse zu einer Zeitachse werden. So sehr wir also die Einheitstheorie von Raum und Zeit zum fundamentalsten Postulat unserer physikalischen Naturbetrachtung erheben, so entschieden müssen wir jede Ver- tauschbarkeit oder Verwechslung der Zeitdimension mit der Raum- dimension ablehnen. Man kann dies auch so ausdrücken, daß unsere Welt in bezug auf Zeit und Raum asymmetrisch gestaltet ist. (Axiom der Asymmetrie.) Wenn wir demnach Raum- und Zeitdimension miteinander verwechseln würden, so hieße dies, daß wir zwei Begriffe von wesentlich verschiedenem Inhalt identi- fizieren und solchermaßen einer Contradictio in adjecto verfallen. Da die imaginäre Einheit i uns nur ein Mittel ist, den dispara- ten Charakter von Raum und Zeit zum Ausdruck zu bringen, dürfen wir auch die Raumachsen als imaginär setzen, nur müssen wir dann der Zeitachse einen realen Charakter leihen. Dann sind die Bahngleichungen des materiellen Punktes: i x = f(t), i y = g(t), i z = h(t), wohingegen die Tempogleichung desselben u = ct nunmehr einen realen Charakter zeigt. Offenbar sind diese Glei- chungen den früher angegebenen völlig gleichwertig, denn das i dient ja nur dazu, den disparaten Charakter der Raum- und Zeit- variabeln zum Vorschein zu bringen. Nur in einem einzigen speziellen Falle wird die Verwechslung der Raum- und Zeitvariabeln unvermeidlich, und dieser Fall muß seiner großen prinzipiellen Bedeutung wegen näher beleuchtet werden. Wenn wir nämlich dem materiellen Punkt P eine gleich- förmige geradlinige Bewegung zuschreiben, so daß seine Bahn- gleichungen x = f(t), y = g(t), z = h (t) linearen Charakter ge- winnen, so ist, weil auch die Tempogleichung lineare Form hat, eine Konfusion der Raum- und Zeitachsen nicht mehr zu ver- meiden. Der Einfachheit halber dürfen wir annehmen, daß die gleichförmige Bewegung des materiellen Punktes P längs der x-Achse stattfindet, dann ist y = 0, z = 0, wohingegen die Bahn- gleichung und die Tempogleichung x = y t ict u = zwei lineare Gleichungen in t repräsentieren. Im Sinne unserer obigen Bemerkung dürfen wir aber den imaginären Charakter der Zeit- und der Raumvariabeln vertauschen, weil das i nur dazu "