Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 41 Weltmechanik geliefert hat. Ja, Newton und seine Nachfolger glaubten eigentlich in der Gravitationstheorie direkt eine Welt- mechanik zu besitzen, was wir aber heutzutage trotz der dank- baren Verehrung für die unsterblichen Meister der ,,klassischen Mechanik" wohl mit Recht in Abrede stellen dürfen. Eine Welt- mechanik muß nämlich die zeitlichen Änderungen der momentanen materiellen Weltlagen mathematisch untersuchen: die klassische Mechanik aber vermochte sich zu dieser klar formulierten Aufgabe nicht aufzuschwingen, weil ihr jene Raum-Zeit-Konzeption man- gelte, welche die unerläßliche Vorbedingung für eine solche Problem- stellung ist. Fassen wir aber unseren Raum als eine stetige Reihe von zeitlichen Momentanräumen auf, dann nimmt die veränder- liche Konfiguration w der Weltmaterie in den einzelnen Momentan- räumen die Gestaltungen wo, W₁, w₂ usw. an, und dann können wir fragen, wie w von der Zeit abhänge, d. h. wir können uns die Aufgabe stellen, die Funktion w = f (t) zu untersuchen. Wir dürfen uns freilich nicht einbilden, dieses unendliche Problem je- mals endgültig lösen zu können, aber es kann gezeigt werden, daß wir durch die Untersuchung desselben zur Kenntnis von mechanischen Weltgesetzen gelangen, die uns bisher unbekannt geblieben sind. Was nun die,,Relativitätstheorie" betrifft, so ist sie sich zwar ihrer eigentlichen Aufgabe nicht klar bewußt, aber es erleidet keinen Zweifel, daß die Begründung einer Weltmechanik zu ihren ersten und vornehmsten Aufgaben gehört. Denn es ist unmöglich, die Physik der Materie mit der Physik des Äthers in vollen Einklang zu bringen, wenn wir nicht die ganze Welt- materie in ihrem Verhältnis zum Weltäther zum Gegenstande un- serer Betrachtungen machen. Die Unzulänglichkeit der sogenann- ten klassischen Mechanik entspringt ja eben aus dem Umstande, daß sie die Probleme, welche sich auf die Gesamtmaterie der Welt beziehen, nicht zu behandeln weiß. Hat sich aber die moderne,,Relativitätstheorie" klare Rechen- schaft darüber gegeben, daß wir von ihr die Ausbildung der Grund- begriffe einer Weltmechanik erwarten? Soweit ich die Literatur überblicke, ist es der einzige Minkowski, bei dem die große Auf- gabe hell aufleuchtet, leider aber nur, um alsbald wieder zu ver- löschen. Der Zauber seines berühmten Vortrages,,Raum und Zeit", den er auf der 80. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte am 21. September 1908 zu Köln hielt, beruht darauf, daß sich dieser berufene mathematische Feuergeist anschickte, die ersten Linien einer Weltmechanik zu zeichnen. Eigentüm- licherweise geriet er aber in ein Fahrwasser, das ihn von seinem eigentlichen Ziele ablenkte. Es sei mir gestattet, gleich anzu- deuten, in welchem Punkte ich mit ihm übereinstimme, und wo unsere Auffassungen direkt gegensätzlich einander gegenüberstehen.