40 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. müssen aber begrifflich unbedingt voneinander unterschieden werden, weil wir sonst unfähig wären, ihre Kongruenz, d. i. den Inhalt des Raumerhaltungsaxioms, zum Ausdruck zu bringen. Wenn der Leser infolge irgendwelcher eingewurzelter Denk- gewohnheit davor zurückscheut, den Begriff einer zeitlichen Reihe von Räumen Ro, R1, R2 usw. auszubilden, dann kann er das fol- gende einfache Mittel benützen, um sein Denken für das Erfassen einer zeitlichen Reihe von Räumen empfänglicher zu machen. Er stelle sich z. B. vor, der Raum R habe eine rote Färbung, und nehme an, daß diese Färbung sich im Verlaufe der Zeit stetig ändere, also z. B. allmählich in Orange, Gelb, Grün usw. über- gehe, dann erhält er eine Reihe von qualitativ verschiedenen Räumen, die den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten to, t₁, tą . . . usw. entsprechen. Nichts kann uns also daran hindern, der logi- schen Nötigung Folge zu leisten und die Raumordnung in den Zeitstrom eingeschaltet zu denken. Mit der bloßen logischen Nötigung ist es aber freilich noch nicht getan. Man begnügt sich einer Theorie gegenüber nicht da- mit, sie als logisch richtig anerkennen zu müssen, sondern man will auch den Zweck derselben kennenlernen, d. h. man will sich überzeugen, daß die neue Theorie eine fruchtbare ist und dem Fortschritt der menschlichen Erkenntnis wesentliche Dienste leistet. Man darf also mit vollem Rechte fragen: welchen Zweck hat es, den Raum als sich im Zeitstrome erneuernd zu denken? Zu welchen tieferen Einsichten in die Natur der Dinge führt eine solche kühne und ungewohnte Konzeption? Die Antwort hierauf ist eine höchst einfache. Bildet man den Begriff von Momentan- räumen R。, R₁... usw., die je einem Zeitpunkt entsprechen, dann faßt man in einem solchen Momentanraum die ganze jeweilige Weltlage zusammen. Den Räumen R。, R1, R2 usw. entsprechen dann die momentanen Weltlagen wo, W1, w, usw. Unter einer solchen Weltlage verstehen wir vor allem die momentane Kon- figuration aller materiellen Punkte der Welt. Es han- delt sich uns nämlich um die Begründung einer Weltmechanik, d. h. einer Wissenschaft, die sich zur Aufgabe setzt, jene Gesetze zu erforschen, welche sich auf die raumzeitliche Konfiguration der Gesamtmaterie der Welt beziehen. Zu diesem Ende müssen wir die Konfiguration der Materie in je einem Momentanraum in Be- tracht ziehen und dann die Untersuchung auf die Änderungen dieser Konfiguration von Momentanraum zu Momentanraum hinlenken. Es kann für den ersten Augenblick scheinen, daß die Idee einer solchen Wissenschaft eine überschwengliche und unausführbare sei: wer sich aber mit der Geschichte der Mechanik befaßt hat, muß wissen, daß die sogenannte Newton sche oder ,,klassische Mechanik" die großartigsten Vorarbeiten für den Ausbau einer