38 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. punktes mangeln, so wäre er unfähig, alle Gebiete des Raumes als in diesem Momente zugleich bestehend zu erfassen, was zur Folge hätte, daß sein Raumbegriff zerfallen und sich völlig auflösen müßte. (Inter Parenthesin sei schon jetzt bemerkt, daß im Sinne der berühmt gewordenen Einsteinschen Zeittheorie ein Begriff der Gleichzeitigkeit in seiner Allgemeinheit überhaupt nicht exi- stiert oder richtiger überhaupt keinen Sinn hat. Falls dies besagen soll, daß es keinen Sinn hat, die verschiedenen Raumgebiete als gleichzeitig bestehend zu denken, dann würde freilich die Ein- steinsche Zeittheorie die Vernichtung des Raumbegriffes und damit auch aller menschlichen Erkenntnis überhaupt zur not- wendigen Folge haben. Wir kommen übrigens auf diese heikle Angelegenheit noch zurück und möchten hier nur betonen, daß man den Zeitbegriff nicht umgestalten kann, ohne den Raum- begriff in die stärkste Mitleidenschaft zu ziehen.) Man könnte gegen meinen obigen Gedankengang folgenden Einwand erheben. Daß der Raumbegriff ohne Hilfe des Gleich- zeitigkeitsbegriffes nicht ausgebildet werden kann, sei eine Selbst- verständlichkeit, ja sogar eine Tautologie, da man unter der räum- lichen Ordnung eben nichts anderes als die Ordnung alles gleich- zeitig Existierenden verstehe. Will uns also jemand vordemon- strieren, daß der Raumbegriff durch den Zeitbegriff bedingt ist, dann muß er uns zeigen, daß ein wissenschaftlicher Begriff vom Raume ohne Hilfe des Ungleichzeitigkeitsbegriffes nicht gewonnen werden kann. Diese Forderung ist völlig berechtigt, und wir wollen ihr so- gleich Genüge leisten. Tatsächlich ist es eine Grundeigenschaft des Raumes, und muß als die Vorbedingung aller geometrischen wie auch aller physikalischen Erkenntnis betrachtet werden, daß der Raum im Verlaufe der Zeit stets sich selbst kongruent bleibt. Dieses Axiom von der Raumerhaltung in der Zeit spielt in der Geometrie eine ebenso fundamentale Rolle wie das Prinzip der Energieerhaltung in der Physik. Allerdings können wir auch solche Raumarten ersinnen, welche im Verlaufe der Zeit nicht kongruent mit sich selbst bleiben, also dem Axiom der Raum- erhaltung in der Zeit nicht unterworfen sind, aber um solche Raumarten erfinden zu können, muß der menschliche Geist vor- erst durch ungezählte Jahrtausende hindurch den Begriff eines empirischen Raumes erfassen lernen, der dem Erhaltungsprinzipe folgt. Was mit dieser Raumerhaltung gemeint ist, vermag sich jedermann leicht selbst zu sagen: es handelt sich darum, daß eine beliebige Figur, die man in den Raum verzeichnet denkt, im Ver- laufe der Zeit mit sich selbst kongruent bleibt, daß also z. B. die Entfernung zweier fixer Raumpunkte a und b im Verlaufe der Zeit