Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 37 vage und unzulängliche sind. Fragt man jemanden, welcher Zu- sammenhang zwischen Raum und Zeit bestehe, so erhält man gewöhnlich zur Antwort, daß dies selbständige und voneinander völlig unabhängig Begriffe seien. Es ist auch gar nicht leicht, gegen diese fundamentale Verirrung des menschlichen Ver- standes anzukämpfen. Da wir nämlich zwei Worte für Zeit und Raum geprägt haben und wir dieselben in unseren sprachlichen Sätzen unabhängig voneinander verwenden, so entsteht tatsäch- lich der täuschende Schein, als ob die beiden begrifflichen Inhalte völlig unabhängig voneinander konstituiert wären. Wir haben demzufolge die üble Denkgewohnheit angenommen, das natür- liche Band zwischen dem Raum- und dem Zeitbegriff zu zerreißen: wir haben gleichsam die Nervenfäden durchschnitten, welche die beiden Begriffe miteinander verbinden, so daß unser Denken über Raum und Zeit mit einer Art von Ataxie behaftet ist. Wir müssen also im folgenden den Beweis zu führen versuchen, daß ein wissen- schaftlicher Begriff vom Raume nicht ausgebildet werden kann, wenn wir uns dabei nicht der Hilfe des Zeitbegriffes bedienen, und daß umgekehrt auch kein logisch ausgebildeter Zeitbegriff zustande kommen kann, wenn wir uns dabei nicht auf den Raumbegriff stützen. Kurz, die wohl konstituierten Begriffe von Raum und Zeit bedingen einander gegenseitig: sie sind korrelative Be- griffe. Auch Minkowski bemerkt einmal:,, Gegenstand unserer Wahrnehmung sind immer nur Orte und Zeiten verbunden. Es hat niemand einen Ort anders bemerkt als zu einer Zeit, eine Zeit anders als an einem Orte." Er scheint also in seiner Unionslehre den korrelativen Charakter von Zeit und Raum für einen Augen- blick ins Auge gefaßt zu haben, nur hat er die Konsequenzen dieses Gedankens wie wir uns alsbald überzeugen werden zu ziehen unterlassen. wcomm ――― Tatsächlich kann der Raumbegriff ohne Hilfe des Zeitbegriffes nicht ausgebildet werden. Es gehört z. B. zum Wesen des Raumes, daß seine Teile oder Gebiete als gleichzeitig bestehend gedacht werden müssen. Würde jemand die verschiedenen beliebig großen oder beliebig kleinen Gebiete des Raumes nicht als gleichzeitig bestehend anerkennen wollen, so müßte er den Raumbegriff über- haupt aufgeben. Wer also das Axiom der Gleichzeitigkeit aller Raumgebiete wirklich beherzigt, der sieht auch sofort ein, daß ein klarer Raumbegriff ohne die Mithilfe des Gleichzeitigkeits- begriffes nicht zustande kommen kann. Auch erkennt er es in einem, welch überaus wichtige Rolle der Begriff des Zeitpunktes bei der logischen Konstituierung des Raumbegriffes spielt. Man benutzt nämlich einen beliebigen Zeitpunkt dazu, um alle Gebiete des Raumes durch ihn synthetisch zu einem Raumganzen zu- sammenzufassen. Würde es jemandem an dem Begriff des Zeit-