18 Neue Theorie des Raumes und der Zeit. punkt verlegte Jetztpunkt verdeckt in unserer unmittelbaren Wahr- nehmung die unendliche Mannigfaltigkeit aller vergangenen und zukünftigen Zeitpunkte. Und dieses Verdecken ist ein notwendiges, ein unausweichliches, denn es ist uns unmöglich, Vergangenes oder Zukünftiges mit sinnlicher Unmittelbarkeit wahrzunehmen. Dies ist in der unwandelbaren Natur unseres menschlichen Bewußt- seins begründet, und ist im Grunde nichts anderes als ein Aus- druck der Tatsache, daß wir gezwungen sind, die sinnliche Er- scheinungswelt als eine zeitliche aufzufassen. Das Verdecken der Mannigfaltigkeit aller Zeitpunkte durch den Hierpunkt ist aber bloß ein anderer Ausdruck für die Tatsache des Zusammen- fassens des Zeitenlaufes in eine Einheit. Es ist nun gut, den Unterschied der beiden Ausdrücke des Verdeckens und des Zu- sammenfassens je schärfer hervorzuheben. Spreche ich von einem Verdecken aller Zeitpunkte durch den Hierpunkt, so denke ich daran, daß dieses psychische Phänomen unabhängig von meinem Willen, d. h. naturnotwendig stattfindet. Sage ich aber, daß ich alle Zeitpunkte in dem Hierpunkt zusammenfasse, so will ich da- mit ausdrücken, daß ich dieses Zusammenfassen als eine Denktat meines Bewußtseins, d. h. in einer Abhängigkeit von meinem Willen, betrachte. Die Denktat des Zusammenfassens aller Zeit- punkte in den Hierpunkt findet also in dem psychischen Phäno- mene der Verdeckung eine Anleitung, und zwar eine nötigende Anleitung, der ich in der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung nicht auszuweichen vermag. Ich darf demnach das Zusammen- fassen aller Zeitpunkte in den Hierpunkt, da es durch die unver- meidliche psychische Verdeckung der Zeitpunkte veranlaßt wird, als ein naturnotwendiges Zusammenfassen aller Zeitpunkte er- klären, mithin auch die Dimension der Zeit als die naturnotwen- dige Grunddimension meines Bewußtseins auffassen. Und da ferner jene Verdeckung immer auf dieselbe Weise geschieht, indem jeder Zeitpunkt ebenso den ganzen Zeitstrahl verdeckt wie irgendein beliebiger Vorgänger desselben, und ich in der unmittel- baren sinnlichen Wahrnehmung keinen Zeitpunkt finde, der einen Teil des Zeitstrahls verdecken und einen anderen Teil nicht ver- decken würde, so habe ich damit die Berechtigung gewonnen, dem Zeitstrome eine und nur eine Dimension zuzuschreiben. 14. Das einfache Identifikationsurteil. Um das psychische Phänomen der Verdeckung der Vergangen- heit und Zukunft durch die Gegenwart deutlicher zu fassen, werde ich im folgenden nicht von bloßen Raum- und Zeitpunkten sprechen sondern sinnliche Erscheinungen in dem fließenden Raume an- nehmen, handelt es sich ja schließlich mit der Theorie des Raumes