12 Neue Theorie des Raumes und der Zeit. von der Apriorität der Raum- und Zeitformen auch für die Grund- tatsache unserer Zeitauffassung eine Art von Erklärung: man kann nämlich im Kantschen Sinne sagen, daß es eben ein apriori- sches Gesetz unserer reinen (von der sinnlichen Erfahrung unabhän- gigen) Anschauung sei, daß wir die zeitliche Folge der Erschei- nungen in dem Bilde einer geraden Linie auffassen müssen. Doch wird sich z. B. der Mathematiker durch eine solche Erklärung kaum sehr befriedigt fühlen. Es ist nämlich eine Eigentümlich- keit der tiefsinnigen Denkweise Kants, daß er zwar die Axiome der Mathematik herbeizieht, um durch ihre Denknotwendigkeit die Apriorität der Raum- und Zeitform zu beweisen, daß er aber den umgekehrten Versuch nicht macht, seine Lehre von der Apriori- tät des Raumes und der Zeit für die mathematische Betrachtung fruchtbar zu machen. Es ist übrigens auch gar nicht abzusehen, wieso der Mathematiker die Lehre von der apriorischen Erkennt- nis für seine Begriffskonstruktionen irgendwie nutzbar machen könnte. Um nun auf unsere Frage zurückzukommen, nehme ich in dem Jetztraume Ro, der dem Jetztpunkte to entspricht, einen Punkt A, an. Indem ich alsdann im Verlaufe der kommenden Zeitpunkte t₁, tą, tз... usw. zu den Räumen R₁, R₂, R... usw. fortschreite, erhalte ich in jedem dieser Räume einen entsprechenden Punkt, also eine ganze stetige Reihe von Punkten A1, A2, Ag... usw. Ich werde diese Punkte auch die Zeitprojektionen des Punktes A, nennen, da sie eben in ihrer Gesamtheit die durch A, gehende Zeitlinie bilden. Es fragt sich nun, mit welchem Rechte ich diese Zeitlinie eben durch eine Gerade darstelle? In der wirklichen Anschauung nämlich bleibt der Raumpunkt A, durch alle Zeiten hindurch derselbe Raumpunkt A。, und alle seine Zeitprojektionen A1, A2, A3... usw. fallen in der wirklichen Anschauung mit ihm selbst zusammen. Da also die wirkliche (unmittelbare) Anschau- ung mir nie die Zeitlinie selbst enthüllt, sondern dieselbe stets durch einen einzigen Raumpunkt ersetzt, woher nehme ich die Be- rechtigung, diese bloß gedachte Zeitlinie für eine ihrer Natur nach gerade zu halten? Die Antwort ergibt sich sofort, wenn wir den Grundcharakter einer räumlichen Geraden ins Auge fassen. Nehmen wir an, daß die ganze Punktreihe Ao, A1, A2, A, usw. im Raume läge, so wird diese Punktreihe als eine Gerade aufgefaßt, sobald es mir gelingt, mein Auge in eine solche Stellung zu ihr zu bringen, daß einer der Punkte alle anderen verdeckt, daß also die ganze Gerade in einen einzigen Punkt zusammenschmilzt. Genau dies ist aber der Fall bei der Zeitlinie. Irgendeine Zeitprojektion An verdeckt alle Zeit- projektionen An—1, An-2 usw. des Punktes, so daß die ganze Zeit- linie in einen einzigen Punkt zusammenschmilzt. Hieraus folgt