Die Unentwickeltheit unseres Zeitbegriffes. 11 ich jedoch einer einheitlichen (d. h. in sich selbst konsequenten) Philosophie die Wege zu ebnen. Wir können die alte, dualistische Anschauung von Raum und Zeit auch so charakterisieren, daß in ihr der Zeitbegriff vernach- lässigt erscheint. Unsere gewohnheitsmäßige Anschauung haftet nämlich mit Vorliebe am Raume, oder unserer neuen Auffassung gemäß am Jetztraume, wobei wir geneigt sind, zu vergessen, daß dieser Raumbegriff durch das Zusammenfassen seiner Punkte im Jetztpunkte der Zeit entstanden ist. Kurz, wir lassen uns zu sehr durch den gegenwärtigen Augenblick gefangennehmen und ver- lieren uns deshalb ganz in eine einseitige Bevorzugung des räum- lichen Anschauens. Wir sind einseitige Realisten. Besinnen wir uns aber auf das Vergangene und Zukünftige, dann begnügen wir uns mit der vagen Idee von einem unsicher schwebenden Zeitstrom, wobei wir im höchsten Grade geneigt sind, zu vergessen, daß der Begriff der Zeit durch das Zusammenfassen seiner Punkte in einen Raumpunkt entstanden ist. Wir werden eben zu einseitigen Idealisten. Der vom Raumbegriff losgelöste, unsicher schwebende Zeitbegriff muß aber in diesem entwurzelten Zustande notwendig verkümmern. Um ihn neu zu beleben, müssen wir ihn mit dem Raumbegriff in eine organische Verbindung setzen, und dies ge- schieht dadurch, daß wir einem jeden Raumpunkte eine durch ihn hindurchgehende Zeitlinie zuordnen. Wir erhalten somit zur Charakterisierung des fließenden Raumes folgende zwei Grund- beziehungen: a) Jedem Zeitpunkt entspricht ein Weltraum. B) Jedem Raumpunkt entspricht eine Zeitlinie. Um nun einen deutlichen Nachweis zu liefern, daß unser gangbarer Zeitbegriff ein unentwickelter ist, werde ich im folgen- den zwei Fragen aufwerfen, deren verständliche Diskussion erst durch Einführung des Begriffes vom fließenden Raume ermöglicht wird. D. Die Unentwickeltheit unseres Zeitbegriffes. 9. Weshalb der Zeitstrom durch eine Gerade dargestellt wird? Die erste dieser beiden Fragen lautet: woher es komme, daß wir den Zeitstrom notwendigerweise durch das Bild einer geraden Linie veranschaulichen müssen? Soweit es mir bekannt ist, war diese Frage noch kein Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen; selbst Kant ließ es bei der Erwähnung dieser Grundtatsache un- serer Zeitanschauung bewenden. Allerdings bietet ihm seine Lehre