Über den fließenden Raum. 9 metaphysische Problem von der Realität des Vergangenen oder Zukünftigen nichts mit dem Begriffe des fließenden Raumes zu schaffen hat. Es steht jedermann frei, dem Vergangenen oder Zu- künftigen eine solche Art von Realität oder Irrealität zuzuschreiben, wie es ihm gefällt, und er wird von jedem Standpunkte aus den Begriff eines fließenden Raumes konstruieren können. Es han- delt sich uns in dieser Theorie des Raumes und der Zeit um eine allgemeine Erscheinungslehre, und die Frage, was denn in allen sinnlichen Erscheinungen das eigentlich Wirkliche sei, übt auf unsere Betrachtungen keinen Einfluß. Wir haben die Begriffe von Raum und Zeit mit logischer Konsequenz so auszubilden, daß wir zu den allgemeinsten Prinzipien der sinnlichen Erscheinungs- welt vorzudringen vermögen. Nun ist es aber auf den ersten An- blick einleuchtend, daß wir eine weit klarere Einsicht in die sinn- liche Ordnung der Erscheinungswelt gewinnen, wenn wir jedem Zeitpunkte einen entsprechenden Raum zuordnen, als wenn wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in denselben stehenden Raum zusammenwerfen und so einer jeden Verwirrung unserer Eindrücke Tür und Tor öffnen. Gerade die Auffassung von dem stehenden Raume bietet die Möglichkeit, alle Unterschiede mo- mentaner Wirklichkeit und vergangener Erinnerungsbilder oder zukünftiger Hoffnungsphantasmen durcheinander zu mengen; während die Auffassung von dem fließenden Raume zu einem strengen Auseinanderhalten der verschiedenen Zeitintervalle führen muß. Nichts behindert uns aber, die den einzelnen Zeitpunkten entsprechenden Räume wieder in denselben einen stehenden Raum zusammenfallen zu lassen und so zu unserer angewöhnten Raum- auffassung zurückzukehren. Diese Rückkehr liefert uns alsdann eine sehr erwünschte Probe in bezug auf die Richtigkeit resp. Fruchtbarkeit unserer Begriffskonstruktionen im fließenden Raume. Übrigens vermeine ich gar nicht, mit der Einführung dieses Begriffes etwas völlig Neues angeregt zu haben. Sooft sich je- mand an Vergangenes erinnert oder Zukünftiges vorbereitet, operiert er in einem sogenannten,,Phantasieraume", den er mit dem Jetztraume nicht verwechselt. Nun ist es aber notwendig, allen diesen Erinnerungs- und Phantasie operationen unseres Geistes, die wir sonst nur schweifend und unsicher durchführen, eine feste und exakte Basis zu sichern, und dies geschieht meiner Ansicht nach am besten, wenn wir den Begriff eines fließenden Raumes mit möglichster Klarheit entwickeln. Es eröffnet sich uns dadurch die lockende Aussicht, eine mathematische Darstellung auch in solche Gebiete hineintragen zu können, die der exakten Behand- lung bisher unzugänglich waren.