Art. 53-56. 163 55. Der ebene Desarguessche Satz. Die gegebene Begrün- dung der projektiven Geometrie bezieht sich zwar zunächst auf den Raum; sie kann aber unmittelbar auf die Ebene übertragen werden, wenn in dieser der Desarguessche Satz besteht. Um die ebene pro- jektive Geometrie unabhängig vom Raume zu begründen, wäre es also noch nötig, den Desarguesschen Satz mit Hilfe der neu einge- führten Grundsätze zu beweisen. Dabei ist erstens zu bemerken, daß der Grundsatz der Meßbarkeit nur in der Form ausgesprochen werden darf: Das aus vier Punkten, deren keine drei in einer Geraden liegen, abzuleitende Netz liegt auf jeder seiner Geraden relativ dicht. Denn die Zurückführung der Netzpunkte auf durch bloße Harmonien er- zeugbare Punkte setzte den zweiten Harmoniesatz, also den Desargues- schen Satz, voraus. Zweitens ist zu beachten, daß hier nicht die Meßbarkeit und die Stetigkeit den Grundsatz der relativen Dichte einschließen, da die diesbezüglichen Beweise ebenfalls den Desargues- schen Satz bereits voraussetzen. Die Unabhängigkeit des Desargues- schen Satzes von den reinen Anordnungsgrundsätzen und der Stetigkeit folgt ohne weiteres aus der in II 59 (S. 68) betrachteten Nicht-Desar- guesschen Geometrie, wenn man in derselben ein reelles stetiges Zahlensystem zugrunde legt. Ob aber in dieser Geometrie der Grund- satz der relativen Dichte oder der der Meßbarkeit (in der obigen Form) besteht, wenn man ein meßbares Zahlensystem zugrunde legt, lassen wir hier dahingestellt. Imaginäre Elemente. 56. Da die Grundsätze der Verknüpfung, der Anordnung und der relativen Dichte ausreichen, um Koordinaten aus einem gewöhn- lichen reellen Zahlensystem einzuführen, kann man nunmehr als imagi- näre Elemente solche mit imaginären Koordinaten definieren. Man kann aber auch, wie v. Staudt*) gezeigt hat, auf rein geometrischem Wege zu den imaginären Elementen gelangen, indem man sie in be- stimmter Weise durch reelle repräsentiert, so daß alle Konstruktionen, in welchen imaginäre Elemente vorkommen, auf solche mit lauter reellen Elementen zurückgeführt werden. Wie in der Arithmetik ein Paar konjugiert imaginäre Zahlen entweder als das gemeinsame harmonisch zu zwei sich trennenden *) v. Staudt, Beiträge zur Geometrie der Lage (Nürnberg 1856) § 7, p. 76. Vgl. auch Stolz, Math. Ann. 4 (1871) p. 416; August, Untersuchungen über das Imaginäre in der Geometrie (Programm der Friedrichs-Realschule in Berlin 1872); Lüroth, Math. Ann. 8 (1875) p. 145; Grünwald, Zeitschrift f. Math. u. Physik 45 (1900) p. 10. 11*